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BLOG vom: 05.11.2005

Scholz-Buch-Vernissage: Lebensmittel aus Natur und Kultur

Autor: Walter Hess

„Lebensmittel sind Natur und Kultur, denn wir essen hauptsächlich verarbeitete Lebensmittel.“ Dies führte der Inhaber des Grünkernladens an der Torstrasse 2 in D-79560 Schopfheim, Jürgen Blaas, an der Vernissage des Buchs „Richtig gut einkaufen“ von Heinz Scholz am Freitagabend, 4. November 2005, aus. Rund 50 Personen hatten sich in dem mit Vollwertigem sorgfältig assortierten Geschäft eingefunden, ein anregendes, fachlich qualifiziertes Publikum. Die Verkaufsräume haben das Fluidum eines traditionellen, kundennahen Ladens für Menschen, welche das Massgeschneiderte, Individuelle lieben und suchen. Man fühlt sich darin wohl, atmet den Duft von Vollkorn, Früchten und zarten Gewürzen.

Noch nie, so sagte Inhaber Blaas, seien so viele Leute in dem etwas höher gelegenen 2. Verkaufsraum versammelt gewesen, in dem es auch Bücher und Holzspielsachen gibt. Hier war zudem ein reiches Buffet aus Vollwertigem, Fruchtsäften und Bioweinen wie dem nach Beeren duftenden spanischen Tempranillo gedeckt. Und der unermüdliche und begabte Zitherspieler Hans Frey aus Steimen legte eine angenehme Kulisse aus alten, eingängigen Melodien. Der Musikant trug die einheimische Festtagstracht.

Das hat alles etwas mit Kultur zu tun. Und auf die Art, wie wir kultivieren, komme es an, sagte Jürgen Blaas in seinem Festreferat: „Wir setzen immer Technik ein, um ein Lebensmittel haltbar, bekömmlich und verdaulich zu machen. Aber wir sollten die Technik nicht einsetzen, weil wir glauben, dass es ja doch nur auf die Quantität von Kohlehydraten und auf die Mischung der chemischen Stoffe usw. ankommt.“ Der Referent sprach damit das landesübliche Denkmuster an und wies auf das Fundamentale hin: „Es kommt auf den Inhalt an, darauf, ob der Zusammenhang mit der lebendigen Natur bewahrt wurde. 2 Menschen können sich, chemisch gesehen, bis auf wenige Gramm in der stofflichen Zusammensetzung gleichen. Der eine aber ist – nehmen wir die erste Zeile aus dem Holle-Märchen, um jetzt nichts Verfängliches zu sagen – schön und fleissig, der andere aber hässlich und faul. Die eine CD enthält Lärm, die andere Musik – chemisch aber besteht kein Unterschied.“

Überliefertes Wissen und Qualität

„Die Qualität der Lebensmittel hängt direkt mit der Kultivierungsarbeit der Menschen zusammen. Menschen benötigen Einkommen. Würden Sie für 5 Euro arbeiten und dann noch versuchen, ein Genie in der Wissenschaft des Lebens zu sein? Das aber sind unsere Erzeuger und auch unsere Verarbeiter.“ Blaas, Vorstandsmitglied des deutschen Bundesverbands Naturkost, Naturwaren, Einzelhandel e.V., lobte das überlieferte, auf Erfahrung beruhende Wissen und Können aus guten Gründen: „In der Bio-Branche haben wir einen aussergewöhnlich hohen Stand an Know-how und Forscherwillen: Der Bäcker zum Beispiel, der in der handwerklich höchst anspruchsvollen Teigführung keinen Fehler machen darf und die Temperaturen genau einhalten muss, ist ein halber Alchimist. Kaum irgendwo in der Welt gibt es so viele Kenner der Lebensmitteltechnologie wie in der Bio-Branche. Sie ist klein; denn Masse und Qualität gehen auch hier nicht zusammen.“

Die Preisfrage

Der Referent kam vor der interessiert lauschenden Zuhörerschaft sodann auf die Preisfrage zu sprechen: „Eigentlich müssten die Preise für konventionelle Lebensmittel doppelt so hoch sein, denn sie zeigen nicht die Wirklichkeit: Eine zerstörte Landschaft ist ein Drama. Aber wäre nur die Landschaft zerstört, könnte sie irgendwann rekultiviert werden. Momentan müssen wir Schlimmeres befürchten: Die unumkehrbare Ausbringung gentechnisch veränderter Organismen. In Rumänien werden zurzeit grosse Flächen mit Genmais bebaut, ohne dass irgendjemand eingreift. Das ist nicht wieder gutzumachen. Was hier in Mitteleuropa durch den Gesetzgeber verhindert würde, ist dort möglich, allein, weil dort Rechtsbrüche folgenlos sind.“

Der Fachexperte Blaas rechtfertigte den Preis der biologisch erzeugten Produkte damit, dass diese nicht in Massen hergestellt werden können. Und er riet: „Bevor wir versuchen, auf einem Hektar noch mehr Möhren anzubauen, versuchen wir, bessere Möhren anzubauen. Ertragreiche Sorten sind nicht die besten.“

Verbreiteter Kenntnismangel

Eingangs hatte Jürgen Blaas darauf hingewiesen, dass der Mensch seinen Körper nicht so gut wie die technischen Dinge kennt, die ihn umgeben und die nachvollziehbar und erklärbar sind: „Dabei hängt sein Wille von der Ernährung ab, wie er im Leben steht und tätig eingreift.“ In einem persönlichen Gespräch, das ich mit ihm anschliessend führen konnte, sagte Blaas, bei einer zu hohen Zuckerzufuhr würden die Entscheidungskräfte im Gehirn gelähmt. Diese Zuckerübermast beeinträchtigt also den Geist, und – so vermute ich – darauf sind wahrscheinlich viele der unbeschreiblichen Fehlleistungen und Irrläufe dieser Moderne zurückzuführen.

Am Vergleich vom Wissen übers Motorenöl und über Lebensmittel begründete der Fachmann das einseitige Wissen: „Stellen Sie sich vor, wie viel spezifischer Sachverstand bei einem durchschnittlichen (männlichen) Verbraucher bezüglich Motorenöl vorhanden ist. Warum? Man kann es verstehen. Seit 500 Jahren macht die Menschheit Fortschritt auf Fortschritt im Verstehen der anorganischen Welt, und in der Folge triumphiert die Technik. Wie anders steht es um die Wissenschaft vom Leben, die Biologie: ‚Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist’ (Goethe). Wir wissen nur wenig über die Natur, über Biologie; wir wissen nur um die Dinge, die messbar und zählbar sind. Deshalb messen wir dem Salatöl nicht die gleiche Bedeutung wie dem Motorenöl zu. Wir kümmern uns kaum darum, ob es als Pflanze natürlich gewachsen oder quasi durch Dünger emporgetrieben wurde, ob der Anbauer etwas über standortangepasste Sorten weiss, ob das Salatöl mit Hilfe von Chemikalien oder Hitze gewonnen wurde, ob es desodoriert, chemisch verändert oder gepanscht wurde. Kaum ein anderes Lebensmittel erfährt so viel hochtechnische Veränderungen wie die Speiseöle.“

Das Referat war eine vortreffliche Abrundung des Buchs „Richtig gut einkaufen“ von Heinz Scholz, dem die Vernissage galt, und in dem genau solche Aspekte minuziös behandelt werden. Auch der Rahmen eines gepflegten Naturkostladens in der schönen, romantischen Schopfheimer Altstadt, in der ein milder Regen einsetzte, stimmte damit überein: Er ist klein, aufs Wesentliche konzentriert und mit Wesentlichem angefüllt. Ein Kraftpaket. Und das war die feierliche Vernissage ebenfalls.

Turbopflanzen, Turbotiere und die Folgen

Meine eigene Aufgabe war es, in einem kleinen Einführungsreferat auf den Zerfall der Lebensmittel zu Nahrungsmitteln in einer Zeit des Überflusses hinzuweisen – ganz im Sinne des Hauptreferenten: „Wir haben heutzutage genügend zu essen, mehr als genug. Viele Nahrungsmittel, insbesondere auch das Fleisch, werden uns beinahe nachgeschmissen. Und trotz des Überflusses leiden viele Menschen unter einer neuen Form von Hunger: Sie haben einen Mangel an wertgebenden Inhaltsstoffen – an Vitaminen, Enzymen, Mineralstoffen, Spurenelementen, an allem also, was eine vollständige, eine vollwertige Nahrung ausmacht.

Unsere Nahrungsmittel werden schnell produziert. Die Tiermast wird durch Antibiotika und Kraftfutter beschleunigt, die Nutzpflanzen werden durch Dünger im Wachstum forciert. Auch züchterische Massnahmen zielten und zielen auf eine Ertragsbeschleunigung ab. Solche Turbopflanzen und Turbotiere sind krank und können nur mit ständigen Medikamentengaben über Wasser gehalten werden. Monokulturen auf dem Feld oder in Ställen sind immer krankheitsanfällig. Es gibt jetzt dennoch wegen der unsagbar hochgespielten Vogelgrippe sogar eine Stallpflicht, nie aber, auch unter normalen Verhältnissen nicht, eine Freilandpflicht. Und weil es so nicht mehr weitergehen kann, wird das Heil nun bei der Gentechnologie gesucht. Ausgerechnet dort! Bisher haben sich alle menschlichen Veränderungen des Naturgefüges von den Gewässerbegradigungen bis zur Klimaerwärmung, das Resultat des masslosen Energieverbrauchs, immer und ausnahmslos katastrophal ausgewirkt.

Das Klagen über diese katastrophal desorientierte Welt hilft nicht weiter. Es gibt viele Personen, darunter Sie alle, die hierher gekommen sind und sich um eine vollwertige Ernährung kümmern, die das Zepter in die eigenen Hände genommen haben und sich in verantwortungsbewusster Art selber um Ihr Wohlergehen, um Ihre Gesundheit kümmern. Das neue Buch meines lieben Freunds Heinz Scholz, dem diese heutige kleine Feierstunde gilt, liefert alles nötige Wissen dazu.“

Wie es zur modernen Lebensmittelkunde kam

Ich habe mit dem Autor Heinz Scholz seit Jahrzehnten publizistisch zusammengearbeitet und war von seinen umfangreichen Kenntnissen immer wieder beeindruckt, ebenso von seiner ausgesprochenen Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge verständlich und sogar in aufgelockerter Art darzustellen. Er ist ein Wissenschaftler, ein Analytiker, der nicht nur in Laboratorien gelebt und geforscht hat, sondern sich ebenso gern mit Bauersleuten und Menschen, die auf dem Markt nach frischem Gemüse und Obst suchen, oder mit Praktikern in Vollwertläden unterhält. Die Verbindung von Fachwissen und Praxisbezug macht den Reiz seines neuen Buchs „Richtig gut einkaufen“ aus.

Dem Werk wurde allerseits eine weite Verbreitung gewünscht. Es bietet einen allgemeinen, kritisch wertenden Überblick über das Nahrungsangebot, versetzt die Leserinnen und Leser in die Lage, aufgrund eines fundierten Wissens die richtigen Kaufsentscheide zu treffen. Und das ist ein grosser Beitrag zum persönlichen Wohlbefinden, zum Wohlergehen.

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„Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“
und „Bözberg West. Landleben zwischen Basel und Zürich“.
 
Hinweise auf weitere Blogs über Textatelier.com-Vernissagen
02. 10. 2005: „,Vernissage ‚Bözberg West’: Weckrufe im Morgengrauen“
01. 05. 2005: „P(r)ost festum: Rückblick auf die Textatelier-Vernissage“

 

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